Die Gänseblümchenprizessin .

Gänseblümchen Straße

(Diese Geschichte ist frei erfunden, aber es könnte sie gegeben haben.)

Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Süleyka. Sie wohnte in der Spinnereistraße, gleich hinter der großen Fabrik.

Als ihr Vater, der Hufschmied Mehmet Arslan, vor vielen Jahren die öden Berge Anatoliens verließ und mit seiner Frau Halize nach Bielefeld kam, war Süleyka erst ein halbes Jahr alt. Er war fortgegangen, weil es in seinem Heimatdorf keine Arbeit mehr für ihn gab. Hier konnte er als Schlosser einen guten Lohn verdienen und hatte eine schöne Zeit. In dem Haus in dem er mit seiner Familie wohnte, hatte früher ein Schuster seine Werkstatt gehabt, und es roch noch ein bisschen nach Leder. Aber eigentlich roch es nach Moder, die Balken wurden vom Holzwurm zerfressen, und an den Wänden kroch der Schwamm hoch. Aber Mehmet war fleißig und hoffte, sich bald eine bessere Wohnung leisten zu können.
Dann musste auch hier die Fabrik viele Leute entlassen, denn die Aufträge waren knapp geworden, und so war auch Mehmet wieder arbeitslos. In den Jahren hatte ihm seine Frau aber noch fünf Kinder geboren, und so musste nun sie, um die Familie zu ernähren, arbeiten gehen. Mit einer Kolonne putzte sie des nachts im Supermarkt, und am Tage bügelte sie stundenweise in einer Hemdenfabrik.
Süleyka war zu einem hübschen Mädchen herangewachsen. Sie hatte wunderschöne schwarze Haare und dunkele, große Augen. Sie spiele selten mit den Kindern auf der Straße, denn sie musste im Hause helfen und auf ihre kleinen Geschwister aufpassen.
Im gleichen Haus wohnte noch eine Familie mit ihrer Tochter Semra. Die Mädchen wurden Freundinnen. Doch während Semra mit ihrer alten Stoffpuppe spielte oder mit ihrer Mutter durch die Kaufhäuser der Stadt streifte, ging Süleyka am liebsten auf die kleine Gänseblümchenwiese hinter dem Spielplatz. Sie mochte diese unscheinbaren Pflänzchen, sie sprach mit ihnen, und die schienen ihr zuzuhören und nickten mit den Köpfchen. Sie pflückte kleine Sträuße, stellte sie in Eierbecher und schmückte damit die Wohnküche. Die Mutter lächelte und nannte sie „unsere cayir papatyasi“, was soviel heißt, wie „unser Gänseblümchen“.
Als es an der rechten Zeit war, schickten Mehmet und Igbal, Semras Vater, ihre Töchter in die Schule. Die beiden sprachen ein rechtes Bielefelder Deutsch, wie alle anderen Kinder auch, sie lernten gut und waren gern gesehen. Wie sie nun aber ins zehnte Lebensjahr kamen, und man langsam sehen konnte, dass sie Frauen wurden, geboten ihre Väter, dass sie Kopftücher trügen und türkische Kleider, denn ihr Religion verlangte Keuschheit von den Frauen. Keine Männeraugen durften ihre Schönheit und ihre Reize sehen.
Und so wurden sie den anderen fremd!

An einem Novembertag ging Semra vom Kesselbrink nach Hause. Sie hatte in dem Geschäft an der Ecke frischen Fisch und Fladenbrot gekauft. Da kam eine Horde Jungen hinter ihr her. Sie höhnten: „Guckt mal, die da mit dem Lappen um den Kopf, wie die aussieht“, und ein Zweiter schrie: „Die hat sicher Läuse, die will sie verstecken!“ Da grölten die anderen und schickten sich an, Semra zu fangen. „Laßt mich, ich hab Euch doch nichts getan“, jammerte diese. „Laßt mich, lasst mich“, äfften die Jungen nach und jolten „Lausetürkin, Lausetürkin, schert sie, schert sie.“ Und ein Kumpan riß ihr das Tuch von Kopf und schnitt mit einem scharfen Messer – zack – ein Büschel Haare ab. Dann rannten sie alle weg.

Lange konnte Semra das schreckliche Erlebnis nicht verwinden. Die Eltern versuchten sie zu trösten, auch Süleyka sprach ihr gut zu: „Es waren doch nur dumme Jungen.“ Doch auch sie hatte Furcht. Wann immer es ging, begleitete der Vater sie auf ihren Wegen. Aber dann bekam er ein böses Fieber und musste das Bett hüten. Die Mutter war zur Arbeit, und so ging Süleyka allein, um das vom Doktor verschriebene Medikament zu holen. Es
war nasskalt, in den Straßenecken lag schmutziger Schneematsch. Nur wenige Menschen hasteten durch die Straße, um letzte Einkäufe zu machen. Süleyka fröstelte und zurrte ihr Kopftuch fester. Abkürzend kreuzte sie den Ravenberger Park, in dem gerade ein Lichtwerk sattfand.
Da!!! Plötzlich tauchten sie auf, aus dem Nebel, aus dem Dunkel, aus dem Nichts !!! Sie hatten kahle Köpfe, die schwarzen Gestalten mit dem vielen Eisen am Körper, und sie lachten!! Hände griffen nach Süleyka, die vor Angst erstarrte, und keiner war da, der ihr zu Hilfe kam.. „Haben wir wieder so eine Lausetürkin, warum bindest du dir son Fetzen um’n Kopp, warum hast Du son bunten Fummel um die Beine, machst Du Modenschau für uns , he?“ die Schwarzen hielten sich die Bäuche vor Lachen, und brüllten: „Antworte, wenn wir Dich was fragen!“

Da fiel auf einmal alle Furcht von Süleyla ab, ruhig sagte sie: „Ich trage Tücher, weil ich die Gänseblümchen schützen muß vor dem kalten Wind.“ Nun gab es kein Halten mehr bei den Schwarzen: „Eine Spinnerin, eine Spinnerin, was kann man denn auch schon erwarten von einer aus der Spinnereistraße.“ Wild rissen sie ihr das Kopftuch und die Kleider vom Leibe und brülllten: „ AUSLÄNDER RAUS !!!“
Da schloß Süleyka die Augen. Ihr erschienen die Männer auf einmal wie flüchtende Gespenster, und sie stand da mit einer Krone auf dem Kopf und einem prachtvollen Kleid aus lauter Gänseblümchenblättern. Die Wüstlinge aber rannten geblendet davon.

Gäseblümchen Überfall

Süleyka konnte sich nach Hause flüchten, sie war gerettet.
Das Krönchen und das herrliche Kleid kaufte ein Pariser Modesalon und zahlte für das außergewöhnliche Modell viel Geld, so daß Vater Arslan, als er genesen war, einen kleinen Laden in der August Bebel Straße übernehmen konnte. Es war ein ehemaliger Kolonialwarengeschäft und über dem Schaufenster stehen noch die Reste „oloni wa“.

Gänsrblümchen Laden

Dort verkauft er nun mit seiner Frau türkische Spezialitäten, und alle seine Landsleute gehen jetzt zu „Oloniwa“ und kaufen bei ihm ihre Kichererbsen, ihre Okraschoten und den in Salzlake eingelegten Weichkäse.

Den Rest des Geldes hat Mehmed für seine Tochter aufgehoben. Suleyka möchte einmal das Leben der Blumen studieren. Dann aber will sie zurück nach Anatolien und dort glücklich werden.

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