Der Tausch

Halemeyer Allee total neu

Ganz oben auf dem Johannisberg gibt es eine Allee mit herrlichen alten Kastanienbäumen. Im Herbst, wenn die Ka­stanien reif sind, sammeln viele Kinder die glänzenden braunen Früchte auf und bringen sie nach Olderdissen zum Tierpark, denn die Hirsche mögen sie ganz besonders gern. Einer dieser Bäume hat vor vielen Jahren ein ganz seltsames Abenteuer erlebt.

Es war im Frühling. Die Bäume hatten ihr schönstes Blüten­kleid angelegt, die ersten Bienen summten herum und suchten Honig, da machte der junge Herr Hollmeier einen Spaziergang. Er war in einem Büro angestellt und hatte heute seinen freien Mittwochnachmittag. Die Sonne und der linde Wind lullten_ihn ein; und von Frühjahrsmüdigkeit übermannt, legte er sich unter den ersten großen Kastanienbaum und träumte in den Himmel: “Ach, wie gut hat es doch so ein Baum. Er atmet immer die schöne, saubere Luft, er brauchte nicht in das öde Büro und hat den ganzen Tag Feierabend, ach, könnte ich doch mit ihm tauschen.” Der Kastanienbaum aber dachte:” Wenn ich doch auch einmal in die Stadt gehen könnte, immer muß ich hier herumstehen in Wind und Wetter, was haben es die Menschen doch gut.”
Nun saß da auf einem Ast ein kleines Elfenmädchen, das sich aus den Blütenkerzen ein Krönlein winden wollte. Die Kleine hatte in der Elfenschule im Tanzen eine 1 bekömmen, und ihr Vater, der Elfenkönig, hatte ihr zur Belohnung erlaubt, einen Tag lang ein bißchen zu zaubern.
Überigens tanzen Elfen ihren Mondscheinreigen heute nur noch, wenn ihr Lehrer zuguckt, ist er weg, hopsen sie am liebsten einen rock and roll. Auch Flötenklänge werden immer seltener. Meist hören sie Radio Luxemburg, nachdem im vorigen Sommer ein frecher kleiner Nöck, so heißen die Elfenjungen, von ei­nem Campingplatz ein Kofferradio stibitzt hat. Aber das nur nebenbei erzählt.

Halemeier Allee Tanz

 

Unser Elfenmädchen hörte nun also die Wünsche. Es kicherte und dachte übermütig: “Na, sollen sie’s doch mal probie­ren.” Sie wippte mit ihren Flügelchen, und schwupp!! schon war Herr Hollmeier in die Kastanie gekrochen, und der Baum hatte die Gestalt von Herrn Hollmeier angenommen. Der Mensch im Baum reckte seine Armäste, holte tief Luft und dachte: “Wie herrlich!” Der Baum im Mensch wackelte in die Stadt und frohlockte: “Nun werde ich das echte Leben kennenlernen.”
Bisher hatte er Häuser nur von weitem gesehen, ganz klein. Daß sie so groß waren, und daß es derer so schrecklich viele gab, hätte er nicht gedacht. Auch Autos kannte er nur auf dem Parkplatz stehend. Der wilde Verkehr in der Stadt verwirrte ihn, und mit den Ampeln kam er garnicht zurecht, er war far­benblind. 3 x wäre er beinahe überfahren worden.

Auch im Büro hatte er große Schwierigkeiten und und jammerte: “Hier trockne ich aus!” So rannte er in jeder Mittagspau­se unter die Dusche. Beim erstenmal vergaß er seinen Anzug auszuziehen, kam klatschnaß an seinen Schreibtisch, und seine Kollegen fragten besorgt, ob er einen Unfall gehabt habe oder vielleicht in den Stauteich gefallen sei. Und dann meinten sie: “Hollmeier wird komisch.”
Der richtige Hollmeier dagegen schauderte bei jedem Regentro­pfen und hatte Angst, einen kräftigen Schnupfen zu bekommen, zumal er nicht einmal einen Regenschirm über sich hatte. Und dann führte eine ältere Dame jeden Morgen ihr Hündchen aus, und gerade ihn bevorzugte dieses als Stammbaum. “Igitt,igitt! Muß er immer meine Hosen naß machen?” Es war äußerst unange­nehm.
Am schwierigsten aber war die Sache mit dem Essen. Der Baum­mensch ekelte sich vor Rinderbraten, Spagetti oder Fischstäb­chen, und der Menschenbaum war die intravenöse Ernährung – das heißt, er konnte ja nur durch die Wurzeln Nahrungswasser aufnehmen – gründlich leid. Er sehnte sich nach etwas Festem zwischen den Zähnen. So waren sie alle beide recht unglück­lich. Dem einen war’s in der Nacht zu kalt und zu einsam, dem anderen zu unruhig und laut. Dem einen war das Nichtstun auf die Dauer zu langweilig, der andere vertrug die Hektik nicht. Das konnte nicht gut gehen.
Der Baum wurde immer träger, so daß ihm der Direktor kündig­te. Er war arbeitslos.
Viel schlimmer aber stand es um Hollmeier. Seine Blätter wa­ren fleckig geworden wie im Fieber, und der Förster kam und sagte: “Der Baum ist krank, wir müssen ihn fällen, sonst steckt er noch die anderen an. Morgen kommt die Kreissaäge. Da bekam Hollmeier einen richtigen Schüttelfrost: “Oh, hätte ich doch nie gewünscht, ein Baum zu sein, wäre ich doch ge­blieben, was ich war!”
Da geschah es, daß an diesem Abend der Elfenkönig einen Mond­schein-spaziergang machte. Er hörte auf einmal heftiges Niesen und ein jämmerliches Stöhnen, aber niemand war weit und breit zu sehen. Da wieder: “Hatschi, Hilfe, hatschi Hilfe!”

Kam das nicht aus dem Lieblingsbaum seiner Tochter? Was hatte das Kind denn da mal wieder angestellt? Er klopfte an den Stamm, und heraus kam mit tropfend roter Nase Herr Hollmeyer und machte sich schleunigst davon.

Halemeyer König

 

Im Gipfel des Baumes aber rauschte es: “Endlich auf meinem Platz, zuhause, hier gehöre ich hin. ” Als am nächsten Tag der Förster und die Leute mit der Säge kamen, wunderten sie sich sehr. Der Baum hatte sich wieder erholt, und sie ließen ihn stehen.

Herr Hollmeier hat sich ein kleines Milchlädchen gekauft. Er bietet seinen Kunden Kirschen, Birnen und Äpfel an, und was sonst noch in der Natur wächst. Um Weihnachten herum, wenn die Hausfrauen des Sonntags Gänsebraten auf den Tisch bringen, verkauft er manchmal auch Kastanien. Allerdings nicht die, von seinem Baum auf dem Johannisberg sondern Eßkastanien aus Tirol, die wie süße Nüsse schmecken. Fragt ihn mal im Winter, ob er welche vom Großmarkt mitge­bracht hat. Vielleicht schenkt er Euch ein paar.

 

Halemeyer Foto

 

(Mehr als dreißig Jahre haben Reinhard und Marie ihr kleines Lebensmittelgeschäft an der Rohrteichstraße betrieben.
Nun steht es schon lange leer und alle Hausfrauen ringsum sind betrübt darüber.)

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