Die Schwester (das Geheimnis der Süsterkirche,)

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Die Schwester

Bereits vor 6oo Jahren ließen sich Augustiner Bettelmönche in schwarzen Kutten mit spitzen Kapuzen in Bielefeld nieder, bauten aber kein Kloster. Kurze Zeit später kamen mit Erlaubnis des Herzogs 12 Augustinerinnen in die Stadt. Sie trugen weiße Gewänder und darüber ein Chorhemd. Diese Chorfrauen ließen nun auf sumpfigem Grund die Klosteranlage “Zum Mariental” bauen, eine Reihe von kleinen Häusern, in der Mitte die Kirche. Zunächst waren es nur 12 Schwestern – Sisters, und man nannte die Kirche deshalb die Sisterkirche, die Süsterkirche. Man nahm gern auch Töchter aus den Bielefelder Adelfamilien auf. Sie bekamen eine gute Erziehung konnten aber die Gemeinschaft auch wieder verlassen und heiraten.

Unter den Chorfrauen war Monika, die Tochter eines reiches Ratsherren der Stadt, sie hatte einen hohen Bildungsstand und widmete sich einem lateinischen Psalmenkommentar Auch Anna trat blutjung in das Kloster ein, um zu lernen. Eines Tages zog sie mit einem Karren, hoch beladen mit Ballen von Leinen, durch Oberntor, um zu den Bleichen im Gadderbaumer Tal zu gelangen. Das im Kloster gewebte Zeug war schon dreimal in Sauermilch gewässert, aber nun musste es noch für vier Wochen auf dem Rasen gebreitet werden, damit es die erstrebte reine Weiße bekam. Die Fuhre war schwer, und das Mädchen brauchte seine ganze Kraft, um kleine Steigungen zu meistern. Da trat auf einmal ein junger Mann zu ihr und bot ihr seine Hilfe an. Es war Ambrosius, der als Novize im Franzis-kanerkloster aufgenommen war. Zu zweit schafften sie nun die Arbeit leicht. Sie trafen noch häufig auf den Bleichen zusammen, und eine tiefe Zuneigung wuchs in ihren Herzen.

Bleichen und Wagen

Da hatte Anna des nachts einen Traum. Es erschien ihr eine verhüllte Gestalt, deren Haupt ein Leuchten umkränzte, und sie hörte ein Raunen:

Es schweben und weben die Geister dein Leben.
Weise wähle den Weg deiner Seele.
Hie’ flüchtiges Glück, da Frieden am andern.
Schaue und traue, den Rechten zu wandern.
Dann ertönten schmeichelnde Zimbelklänge, sie verwehten, wie der Hauch im Wind und das geheimnisvolle Wesen war verschwunden.
Als Anna erwachte, versank sie in tiefe Gedanken. Sie wollte ein gottgefälliges Leben führen, aber sie liebte diesen Mann, der ihr alles Glück der Welt deuchte. Sollte sie entsagen? Sie war so jung. Da dämmerte der Morgen, und die Glocke rief zur Andacht.

 

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Es war an einem warmen Sommerabend, als die beiden Liebenden Abschied voneinander nahmen. Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen über den Kamm des Teuto. Stille lag über dem Land, nur eine Schar Schwalben kreiste lautlos am Himmel. Sie saßen auf einer mit Buschwindröschen umkränzten Wiese am Fuße des Johannisberges.

“Mein liebes Mädchen” flüsterte Ambrosius traurig, “meine Zeit als Novize ist nun um, ich habe die Weihe empfangen, es ist entschieden. Mir sind Armut, Gehorsam und Keuschheit geboten. Du musst mich verges-sen.”Anna schluchzte: “Nie kann ich dich vergessen. Ich habe nicht die Kraft.” Da brach Ambrosius eine Rose vom Busch und sagte: “So, wie die Blume, die unser Herz erfreut, welken und vergehen wird, so wird die Zeit auch mein Bild in Dir verlöschen, und Du wirst frei sein.

Budchwindrose

Da stach ihn ein scharfer Dorn in den Finger, und ein Blutstropfen fiel auf das kleine silberne Kreuz auf Annas Brust und blieb darauf haften.
Als sie wieder ins Kloster zurückgekehrt war, bemerkte sie, dass das Röschen in ihrer Hand augenblicklich verwelkte, zugleich aber wandelte sich der Tropfen auf dem Kreuz in einen wunderschönen, dunkelroten Rubin, der die Form einer winzigen Rose hatte.

Da legte auch sie das Gelübde ab, und nannte sich fortan Appolonia. Sie weihte ihr Leben dem Kloster und wurde später zur Priorin gewählt. Die Rose aber, und die Erinnerung blieb ihr Geheimnis. Zuletzt waren Monika und Appolonia die beiden letzten Chorfrauen. Sie schenkten die ganze Anlage der Stadt Bielefeld mit der Auflage bis zu ihrem Lebensende Nahrung und Kleidung zu bekommen. Als sie dann gestorben waren, fanden sie auf dem Friedhof innerhalb des Stiftsgeländes ihre letzte Ruhe.

Süsterkirche2 mit Nonne

 

In unseren Tagen wurden in der Innenstadt Bauarbeiten und Grabungen durchgeführt. Man stieß auf einen alten Brunnen und fand Gebeine da, wo der Klosterfriedhof gewesen sein musste. Wie verwundert war man, als man bei der vorsichtigen Bergung auf einmal an einem bleichen Knochen ein Kreuzkettchen bemerkte, das eine winzige Rose zierte.

1 Kommentar zu „Die Schwester (das Geheimnis der Süsterkirche,)“

  • Bei der Suche nach “Lappenjagd” stieß ich auf Ihre Seite mit den Bielefelder Märchen. An manche Geschichten erinnere ich mich als ehemalige Bielefelderin teilweise noch. Eine tolle Idee von Ihnen, das Kulturgut so in die heutige Zeit zu übertragen / zu retten.
    Weiter so!
    Gerhild Wehl

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